Idee
Der Stadtteil Haselhorst entstand in den dreißiger Jahren als Versuchs- und Forschungssiedlung rund um die Firmen Siemens und BMW. Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Berlin-Haselhorst (Christus-Kirche) wurde am 27.September 1931 als Zweiggemeinde der Gemeinde Spandau Jagowstraße gegründet und ist seit 2004 selbständige Gemeinde im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden K.d.ö.R.
Die Ziele der Gemeindearbeit waren von Beginn an auf die Menschen, die im Kiez leben und arbeiten ausgerichtet. Viele der heutigen sozial-diakonischen Projekte der Gemeinde haben ihre Wurzeln bereits in der Gründungszeit.
Unter dem Motto „Christus ist da – Kirche ist offen“ arbeitet die Gemeinde seit einigen Jahren an einem Gesamtkonzept der gemeindlichen Arbeit, welches sich in einer Reihe von Angeboten auf die sozialen Bedürfnisse des Stadtteils Haselhorst einstellt und versucht, mit gezielten Maßnahmen darauf zu reagieren. Die in diesem Konzept vorgestellte Idee betrifft deshalb kein einzelnes Projekt, sondern die gesamte Gemeindearbeit. Die Gemeinde trägt den Namen Christus-Kirche und weiß sich zu den Menschen des Stadtteils gesandt. Die Gemeinde hat zurzeit 37 Mitglieder, die sich mit großen zeitlichen und finanziellen Mitteln ehrenamtlich engagieren. Im Folgenden werden die Projekte der Gemeinde genannt und anschließend einzeln vorgestellt.
Seit 35 Jahren ist die Christus-Kirche Träger einer offenen Jugendarbeit, genannt „Teestube“. In dem ansonsten an Angeboten für Jugendliche armen Stadtteil (über die Schließung des einzigen Jugendfreizeithauses „Haveleck“ wird in diesen Tagen beraten) bietet die Christus-Kirche wöchentlich die Möglichkeit zur Begegnung, gemeinsamer Freizeitgestaltung, Austausch und Diskussion vor allem auch interreligiöser Fragestellungen. Der größte Teil der Kinder und Jugendlichen entstammt sozial schwachen Familien mit Migrationshintergrund. Sie sind die Nachkommen der vor Jahrzehnten in diesem Stadtteil angesiedelten Gastarbeiter. Die Christus-Kirche schafft somit ein integrierendes Angebot, dass vor allem von türkisch-stämmigen Jugendlichen genutzt wird. Durch die wöchentliche Begegnung mit den Jugendlichen wurden Benachteiligungen hinsichtlich der Bildung erkennbar und wahrgenommen. Aus dieser Beobachtung heraus entstand 2006 die Hausaufgabenhilfe, die vor allem von Grundschülern besucht wird.
Seit diesem Jahr sind wir dabei, eine Eltern-Kind-Arbeit aufzubauen. Die eigens für diese Arbeit berufene Gemeindediakonin Damaris Werner hat ein Gesamtkonzept erarbeitet, das, beginnend mit einer Krabbelgruppe, Eltern mit Kleinkindern die Möglichkeit bietet, soziale Kontakte aufzubauen.
Ein weiterer Arbeitszweig heißt „Horst rockt“ und beinhaltet kulturelle Angebote für den Stadtteil Haselhorst. Konzerte verschiedener Stilrichtungen sollen Menschen einladen und ihnen einen Höhepunkt im Alltag bieten.
Zielsetzung der sozial-diakonischen Arbeit
Die Umsetzung der sozial-diakonischen Arbeit der Christus-Kirche geschieht in den oben genannten vier Bereichen. Diese werden im Folgenden einzeln dargestellt und in ihren Zielen, sowie alltäglichem Arbeitsablauf beschrieben.
Eltern-Kind-Arbeit
Zielsetzung: Die Eltern-Kind-Arbeit ist der neueste Arbeitszweig der Gemeinde, der im Sommer 2007 gegründet wurde. Damaris Werner wurde zum 01.07.2006 als Gemeindediakonin berufen und mit der Aufgabe angestellt, eine sozial-diakonische Eltern-Kindarbeit zu gründen. Sie hat Erziehungswissenschaft und Theologie studiert und wurde im September 2006 als Diakonin des BEFG ordiniert. In dem Bereich der Eltern-Kind-Arbeit füllt die Christus-Kirche eine Lücke aus, denn die bestehenden Angebote anderer finden in einem anderen Gebiet des Stadtteils statt und sind deshalb für die jungen Mütter des Althaselhorster Kiezes nicht interessant.
Beginnend mit einer Krabbelgruppe im Sommer 2007, der zurzeit neun Frauen mit ihren Kindern angehören, soll ein Kursprogramm aufgebaut werden, mit dessen Hilfe schwangere Frauen und Eltern von Kleinkindern Austausch, Bildung und Beratung erfahren können. Angesprochen sind Eltern mit Migrationshintergrund und sozialschwache Familien. In vielen Familien gibt es einen hohen Bedarf an Kontakt zu Gleichgesinnten und Unterstützung ihres alltäglichen Lebens.
Krabbelgruppe: Durch die wöchentlich stattfindende Krabbelgruppe bekommen junge Mütter Kontakt zu anderen Frauen mit einem ähnlichen Lebenshintergrund. Der sozialen Isolation wird so entgegengetreten. Durch die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Gemeinde ist Beratung in Fragen der Kindererziehung gewährleistet. Außerdem lernen die Mütter in der Gruppe neue Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit ihren Kindern kennen. Schwangere Frauen sind eingeladen an den Treffen teilzunehmen, um ihnen bereits vor der Geburt des Kindes Hilfestellung und Kontakte anzubieten.
Die Finanzierung der Krabbelgruppe wird zum großen Teil durch die Gemeinde gewährleistet (Personalkosten, Sachmittel, Räumlichkeiten). Die Mütter bezahlen einen niedrigen Beitrag von 1€ pro Treffen. Von diesem Geld werden Geburtstagsgeschenke für die Kinder, sowie Materialien für besondere Aktivitäten (Feste) bezahlt. Einmal im Monat findet ein gemeinsames Frühstück statt. Zusätzlich sind regelmäßige Angebote einer Musiktherapeutin geplant.
Elternfrühstück: Schwerpunkt der vierteljährlich stattfindenden Elternfrühstücke ist die Bildungsarbeit unter Eltern des Stadtteils. Externe Referenten bearbeiten Erziehungsthemen, die von den Eltern selbst mit eingebracht werden können. Auch hier ist der Austausch und Kontakt zu Gleichgesinnten gegeben. Dieses Angebot soll helfen, Eltern in ihrer erzieherischen Kompetenz zu stärken.
Elternkurse: Das Konzept sieht darüber hinaus das Angebot eines Elternkurses vor. Ergänzend zu den Elternfrühstücken ist so die gezielte und weiterreichende Bildung im Bereich der Erziehung möglich.
Teestube – Offene Kirche für Jugendliche
Zielsetzung: Die „Teestube“ ist eine sozial-diakonische offene Jugendarbeit für Jugendliche aus dem Haselhorster Kiez im Alter von 14-21 Jahren. Als offene Jugendarbeit bietet die Teestube einen „neutralen“ Begegnungsraum an, in dem Jugendliche Wertschätzung, Persönlichkeitsförderung und Annahme erfahren. Dies geschieht durch Vermittlung christlicher Werte und Lebensperspektiven, sowie durch interkulturelle und interreligiöse Begegnungen und Dialoge.
Relevanz: Im Quartiermanagementgebiet Haselhorst gibt es neben der „Teestube“ keine regelmäßige Jugendfreizeiteinrichtung. Auch sonstige Initiativen und Einrichtungen zur Jugendförderung bzw. Freizeitgestaltung sind für Jugendliche in Haselhorst kaum vorhanden. Hinzu kommt die für Berlin überdurchschnittlich hohe Jugendarbeitslosigkeit und der große Anteil des Sozialhilfebezugs von Jugendlichen unter 18 Jahren (19,7%).[1] Dies weist darauf hin, dass Einrichtungen zur Förderung der personalen und sozialen Kompetenz, wie zur gesellschaftlichen Integration in Haselhorst notwendig sind.
Inhalt und Angebot des Projekts: Das wöchentliche Angebot „Teestube“ findet freitags von 19:00-22:00 Uhr in den Räumen der Christus-Kirche statt. In der „Ankommphase“ (zwischen 19:00 und 20:00 Uhr) werden für die Jugendlichen einerseits unterschiedliche Freizeitbeschäftigungen wie Tischtennis, Kicker, Volleyball, Gesellschaftsspiele etc. angeboten, andererseits stehen die Mitarbeiter zum persönlichen Gespräch über Erfahrungen der vergangenen Woche zur Verfügung. Um 19:45 Uhr können die Jugendlichen freiwilllig an einer Impulsrunde, dem so genannten „Wort zum Freitag“ teilnehmen, die neben einer christlichen Wertevermittlung zur Diskussion über biblische Inhalte und zu einem interreligiösen Gespräch einlädt. Um 20:00 Uhr wird den Besuchern ein kostenloses Abendbrot angeboten. Anschließend können die Jugendlichen anhand von unterschiedlichen Projekten (Erlebnispädagogische Spiele, gemeinsames Zubereiten von Mahlzeiten, Filmvorführungen, Basteln, Sportangebote etc.) ihre Kreativität und ihre soziale und kognitive Kompetenz weiterentwickeln. Ergänzend zu der wöchentlichen „Teestube“ werden regelmäßig besondere Veranstaltungen angeboten. Dazu gehörten in der Vergangenheit Straßenfußballturniere, Freizeiten, Jugendgottesdienste und Konzerte (vgl. „Horst rockt“). Das vielfältige Freizeitangebot soll den Jugendlichen einen Höhepunkt in ihrem Alltag ermöglichen.
Organisation: Ein ehrenamtlicher Mitarbeiterkreis von ca. vier MitarbeiterInnen, geleitet von einem „Mini-Jobber“, übernimmt die Organisation und Durchführung der offenen Jugendarbeit. In regelmäßigen Mitarbeitersitzungen wird die Arbeit der „Teestube“ reflektiert und vorbereitet. Wöchentlich trifft sich das Mitarbeiterteam vor Öffnung der „Teestube“ zur Vorbereitung für den jeweiligen Abend. Die Kirchenleitung der Christus-Kirche steht für Beratung und Reflexion im Hintergrund der offenen Jugendarbeit bereit.
Für die Arbeit der „Teestube“ steht eine Innenraumfläche von ca. 75m² zur Verfügung. Der wesentliche Teil konzentriert sich auf die Kellerräume der Christus-Kirche, die mit einer Tischtennisplatte, einem Kicker, einer Sofaecke, einer Musikanlage und einem Speisebereich ausgestattet sind. Außerdem stehen eine Küche und ausreichend Toiletten zur Verfügung. Zudem ergänzt der Garten (ca. 500m²) mit seinen Spielgeräten und dem Volleyballfeld die Nutzungsfläche der „Teestube“ in den Sommermonaten.
Finanzierung: Im Haushalt der Christus-Kirche nimmt die „Teestube“ seit Jahren einen eigenständigen Posten mit ca. 1500€ ein. Darin enthalten sind lediglich die Sachmittel der wöchentlichen Arbeit und der Sonderveranstaltungen. Personalkosten und Räumlichkeiten werden durch die Gemeine gesondert aufgebracht.
Nachhaltigkeit des Projekts (Erfolgsgeschichte): Allein das 35jährige Bestehen der „Teestube“ steht für eine ständige Kontinuität und Nachfrage durch die Jugendlichen aus Haselhorst. Besonders die individuellen Erfahrungsberichte der Jugendlichen, die nach Beendigung des regelmäßigen Besuchs der „Teestube“ erzählen, wie viel ihnen die „Teestube“ in ihrer Jugend bedeutet hat und wie dankbar sie auf die prägende Zeit zurückblicken, ermutigt die MitarbeiterInnen immer wieder, in die „Teestube“ zu investieren. Meist ist die Wertschätzung der „Teestube“ durch die Jugendlichen besonders nach einer langen Ferienpause bemerkbar. Durch das langjährige Bestehen der Arbeit wird die „Teestube“ innerhalb der Gemeinde sehr geschätzt. In jeder Generation gibt es ehemalige Teestubenmitarbeiter, die nach wie vor die Arbeit durch ihr Mitdenken unterstützen. Der Erfolg des Angebots lässt sich auch an der Besucherzahl messen, die durchschnittlich bei 20 Personen liegt.
Erfahrungsbericht eines Teestubenbesuchers: „Zehn Jahre lange bin ich in der Teestube gewesen. Ich habe viele Aktionen mitgemacht und erinnere mich sehr gut an viele Mitarbeiter. Durch die Teestube wusste ich immer, wo ich hingehen konnte und musste so keine Scheiße bauen. In der Teestube habe ich Menschen gefunden, mit denen ich immer reden kann.“ (Patrick B. – langjähriger Teestubenbesucher)
Hausaufgabenhilfe – kostenloses Angebot für Schüler
Zielsetzung: Für die Haselhorster Kinder stehen nicht genügend Lern- und Freizeitangebote zur Verfügung, um sie in ihren individuellen Bedürfnissen und Lernschwierigkeiten zu unterstützen. Viele Kinder sind nach der Schule sich selbst überlassen, das heißt sie werden von ihren Eltern nicht ausreichend versorgt. Die Kinder haben oft nicht nur in der Schule enorme Defizite, sondern sind auch emotional unterversorgt. Sie haben ein großes Bedürfnis nach Nähe und Gespräch, brauchen jemanden der ihnen zuhört und sich Zeit für sie nimmt. Bewegungsmangel, falsche Ernährung und damit verbundene Defizite der sinnlichen Grundfertigkeiten sind vielfach sichtbar.
Die unentgeltliche Hausaufgabenhilfe der Christus-Kirche hat das Ziel, vorwiegend Kinder im Grundschulalter (6-13 Jahren) aus dem Haselhorster Kiez in den elementaren Grundlagen der schulischen Anforderungen zu fördern.
Relevanz: Der Großteil der Kinder stammt aus einer nichtdeutschen Herkunftsfamilie und z.T. weisen sie erhebliche Sprachdefizite und multiple Verhaltenssauffälligkeiten auf. Um den Kindern in Haselhorst ein möglichst flächendeckendes Angebot zu machen, entstand in Absprache mit den wenigen anderen Einrichtungen in Haselhorst die Hausaufgabenhilfe.
Ablauf: Ehrenamtliche Mitarbeiter (Lehramtstudierende, Grundschullehrerin, Theologiestudenten) der Christus-Kirche bieten für 45 Minuten entweder ein individuelles oder kollektives Lernangebot an. Dabei wird besonders auf die individuellen Bedürfnisse und Lernschwierigkeiten der SchülerInnen eingegangen. Nach dem Lernen wird darüber hinaus die Möglichkeit zu aktiver Freizeitgestaltung geboten. Die SchülerInnen können sich für 30 Minuten auf der Wiese und an den Spielgeräten austoben oder gemeinsam Fußball oder Tischtennis spielen. In der Regel wird die Zeit durch gemeinsames Singen abgeschlossen.
Das Angebot findet bisher einmal wöchentlich am Freitagnachmittag, selbstverständlich kostenlos, in den Räumen der Christus-Kirche statt. Im Durchschnitt werden bis zu zehn Kinder von drei Mitarbeitern betreut.
Finanzierung: Eine geringfügige Finanzierung für die notwendigsten Lernmaterialien stellt der Haushalt der Christus-Kirche zur Verfügung.
Organisation: Den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen stehen eine Erzieherin und die Gemeindediakonin (Erziehungswissenschaftlerin) beratend zur Seite. Durch eine ständige Vertretung in der Stadtteilkonferenz sind der Austausch und die Verbindung zu den anderen Organisationen und Initiativen in Haselhorst gewährleistet.
Vision: Das wöchentliche Angebot ist nur ein kleiner Teil, der getan werden muss, um die Kinder zu fördern. Um das Angebot zu vergrößern, reichen jedoch die finanziellen Mittel und die ehrenamtlichen Mitarbeiter nicht aus. Durch eine finanzielle Unterstützung soll das Angebot vergrößert werden, Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt und ein PC-Arbeitsplatz eingerichtet werden. Außerdem ist eine Honorarstelle geplant.
[1] Die statistischen Angaben sind dem Sozialstrukturatlas (2003) und dem Monitoring Soziale Stadtentwicklung (2006) entnommen.

